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Warum wir Hebammen und Entbindungspfleger brauchen

Anlässlich der öffentlichen Anhörung von Sachverständigen zum Antrag „Mit Hebammen und Entbindungspflegern gut versorgt von Anfang an“ möchte ich Euch Agnes vorstellen. Ich kenne Agnes aus ihrer Zeit bei den SJD-Die Falken in Leverkusen und sie ist Hebamme. Im Gespräch mit ihr habe ich viel erfahren und gelernt. Doch lest selbst, warum es wichtig ist, die Rahmenbedingungen für Hebammen und Geburtshelfer zu verbessern.

Hallo Agnes,
wie ich Dir erzählt habe, führen wir im Landtag NRW eine Anhörung zur geburtshilflichen Versorgung und Elternbegleitung durch. Ich finde es wichtig, dass hier auch einmal eine Hebamme, die seit vielen Jahren tätig ist, zu Wort kommt.
Ich freue mich sehr, dass Du mit mir dieses Interview führst!

1. Frage: Wann hast du dich entschieden Hebamme zu werden?

Hallo Eva, danke für die Gelegenheit, unsere Arbeit und die Arbeitsbedingungen einmal auf diese Weise darstellen zu können! Zu Deiner Frage: kurz vorm Abitur habe ich entschieden, mich für die Hebammenausbildung zu bewerben. Das Abitur habe ich gemacht, um mir eventuell noch ein Medizinstudium in der Hinterhand offen zu halten. Ich übe den Beruf seit 2004 aus und bin seit 2005 freiberuflich tätig.

Warum hast du dich für den Beruf der Hebamme entschieden?

Das weiß ich eigentlich gar nicht so richtig…
Ich wollte schon immer etwas Medizinisches und Soziales machen und mein eigener Chef sein. Meine ältere Schwester hat als Hebamme gearbeitet und erzählte mir immer wieder Geschichten aus dem Hebammenalltag. Diese haben mich immer sehr fasziniert und interessiert. Mein allererster beruflicher Wunsch war das Medizinstudium. Leider war es aber zu dem Zeitpunkt nicht möglich, einen Studienplatz zu bekommen. Da ich nicht lange warten wollte, entschied ich mich für die Hebammenausbildung. Außerdem machte mir die Vorstellung, dass ich als Hebamme später mit Familie meine Arbeit sehr frei selber organisieren, bestimmen und gestalten kann, viel Lust auf den Beruf.

War bei der Berufswahl der Verdienst auch ausschlaggebend?

Der Verdienst war nie von Interesse, sonst hätte ich doch noch Medizin studiert oder was anderes gelernt. Ich habe in meinen Hochzeiten als Hebamme, also als ich Single war und noch keine Kinder hatte, gutes Geld verdient. Allerdings war ich kaum zu Hause und hatte keine Freizeit. Im Moment verdiene ich angestellt 600 Euro netto (30% Anstellung bei Lohnsteuerklasse 5). Der Verdienst in der Freiberuflichkeit unterliegt großen Schwankungen. Monatlich kommen zwischen 700 bis 1000 € dazu.

Wie haben sich die Rahmenbedingungen deines Berufes im Laufe der Zeit verändert?

Die Rahmenbedingungen haben sich in den nur 13 Jahren sehr verändert. Allerdings auch die Frauen und auch die gesellschaftlichen Ansprüche. Die Frauen sind anspruchsvoller, gleichzeitig geht ihnen die Intuition verloren. Zudem gebären fast alle nur noch in der Klinik, was aber damit zusammen hängt, dass sich Beleghebammen (Anm.: Beleghebammen sind freiberuflich arbeitende Hebammen, die mit einer oder mehreren Geburtskliniken einen Belegvertrag abgeschlossen hat, oder in einem Krankenhaus mit sogenanntem Belegsystem arbeitet) und Hausgeburtshebammen nicht mehr versichern können.
Als ich anfing zu arbeiten, gab es keine Arbeitsplätze für angestellte Hebammen. Somit musste ich NRW verlassen und landete in Baden-Württemberg, wo ich im Angestelltenverhältnis anfing. In dem kleinen Ort und in der Umgebung gab es dann aber so viele freiberufliche Hebammen, so dass ich erstmal nur angestellt war. Freiberuflich zu arbeiten war dann erst in Karlsruhe möglich. Seit Ende 2005 war ich also angestellt und freiberuflich.
Die Freiberuflichkeit ist mittlerweile an eine Menge Auflagen (z. B. Qualitätsmanagement) gebunden und sie umfasst viel mehr Zeitaufwand als früher. Das ist sehr schade, denn die Zeit, die ich am Schreibtisch verbringe, könnte ich den Frauen widmen, die noch Hebammenhilfe brauchen. Viele freiberufliche Hebammen geben deshalb und vor allem wegen der steigenden Haftpflichtprämien ihre Freiberuflichkeit auf.
Zu meinen Berufsbeginn hatte ich als Hebamme kaum Frauen zu betreuen, jetzt gibt es kaum Hebammen, die die vielen Frauen versorgen können. Das Telefon bimmelt rund um die Uhr mit Anfragen. Leider bin auch ich irgendwann „ausgebucht“. Eine 1:1 Betreuung in der Klinik ist schon lange nicht mehr möglich. Viel zu wenige Hebammen und die vielen administrativen Arbeiten werden mehr.

Wie finden dich eigentlich die werdenden Mütter?

Als Hebamme betreue ich die Frau und ihr Kind - eigentlich aber auch die ganze Familie - vor, während und nach der Geburt. Meine Aufgaben als Hebamme sind vielfältig und mein Arbeitsfeld ist weit gefasst.
Selten bin ich nur Hebamme, manchmal die Anwältin der Frau, manchmal die Übersetzerin, die die verschiedenen Sprachen übersetzt, manchmal die Psychotherapeutin, manchmal die Kriegerin für die Rechte der Frauen, manchmal die Schulter zum Ausweinen, manchmal die Beraterin und manchmal nur eine Freundin.
Ich muss die Fachfrau in meinem Fach sein, aber auch genauso Geschäftsfrau und natürlich auch Mutter.

Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?

Ich stehe um sechs Uhr auf, versorge meine Kinder (zwei gehen in die Schule und einer in die Krippe). Um neun Uhr gibt es den ersten Hausbesuch, um 13 Uhr hole ich die Kinder ab. Anschließend werden Hausaufgaben gemacht und dann außerschulische Aktivitäten wie z.B. Sport. Währenddessen noch ein oder zwei Hausbesuche, anschließend Abendessen, Kinder ins Bett bringen, administrative Tätigkeiten und zwischen 22 und 24 Uhr komme ich dann auch ins Bett.
An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, kommt noch ein Schichtdienst dazu (Früh-, Spät- oder Nachtdienst), dann betreue ich die Frauen vor oder nach meinen Dienst.

Wie viele Frauen bzw. Familien betreust du gleichzeitig? Was ist dabei die Schwierigkeit?

Ich betreue drei bis vier Frauen pro Monat.
Die Schwierigkeit ist als Hebamme und Mutter alles unter einen Hut zu bringen. Oft fehlt einem die Zeit, die man sich gerne nehmen würde. Da in ländlicheren Gegenden kaum noch Hebammen arbeiten, bin ich des Öfteren länger im Auto unterwegs. Die Zeit fehlt dann oft in der Betreuung. An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, muss ich ebenso zu den Frauen, denn die Babys halten sich selten an feste Termine. Zudem können immer wieder kleinere Notfälle auftauchen, die die ganze Planung durcheinander bringen.

Was sind deine Hauptaufgaben in der Vorher-Betreuung?

Eine große Aufgabe ist die Schwangerenvorsorge, die Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden sowie die Vorbereitung auf die Geburt. Auch die Beratung zu allen möglichen Themen ist sehr wichtig. Meine Hauptaufgabe in der Schwangerenbegleitung ist jedoch die Bestärkung des eigenen Körpergefühls der Frau. „Du schaffst die Geburt, Du kannst gebären, Du kannst Mutter sein, Du kannst Dein Kind stillen! …“

Was sind deine Hauptaufgaben in der Nachher-Betreuung?

Die Hauptaufgabe ist hier die Betreuung und Beobachtung der Mutter mit ihrem Säugling, Stillen, Ernährungsberatung, Rückbildung Verhütung, uvm. Meine Hauptaufgabe in der Wochenbettbegleitung liegt in der Verarbeitung des Erlebten, Sicherheit ausstrahlen und Bestärkung geben.

Was ist deiner Meinung nach die Lösung für die Problematik der Haftpflichtversicherung?

Ich hoffe, es gibt bald eine!!! Der geforderte Haftungsfonds sollte eingerichtet werden und die Regresszeit muss überdacht werden. Der Verband muss valide Zahlen erheben und Profis zu den Verhandlungen hinzuziehen.

Und zum Schluss noch eine letzte Frage: Warum sind deiner Meinung nach Hebammen wichtig?

Hebammen sind die weisen Frauen, die werdende Mütter in allen Lebensformen unterstützen. Unsere Arbeit enthält einen Großteil an Gesundheitsprophylaxen. Wir sind mehr als nur die Fachfrauen, weil wir nach der Salutogenese arbeiten und uns die ganzheitliche Sichtweise auf ein Familiensystem nicht fremd ist. Wir stärken den Anfang der Gesellschaft und ermöglichen einen guten Start der Familie in einen neuen Lebensabschnitt. Ebenso sind wir Fachfrauen der physiologischen Geburt und müssen uns mit unserem Wissen nicht verstecken. Wir sind wichtig für die Stärkung der Frau in der Gesellschaft. Wir werden gebraucht!

Liebe Agnes, ich danke Dir für das Interview! Als dreifache Mutter und bald wieder werdende Großmutter ist mir eine gute Geburtshilfe- und auch die Vor- und Nachbegleitung für Eltern und Kinder-sehr wichtig. Wir sind gemeinsam gefordert, hier gute Bedingungen zu schaffen!

 

Das Interview fand anlässlich eines Antrages statt. Den Antrag findet Ihr hier: http://landtag/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-535.pdf

Weiterführende Informationen hat der Verband der Hebammen: https://www.hebammenverband.de/startseite/