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Welt-AIDS-Tag - Was den 1. Dezember mit Philadelphia verbindet

Der erste Dezember ist nicht (nur) der Beginn der Weihnachtssaison, sondern auch der Welt-AIDS-Tag. Philadelphia ist in diesem Falle kein Brotaufstrich, sondern ein Film von 1993, sogar zweifacher Oscar-Gewinner. In der Hauptrolle zu sehen: AIDS und Tom Hanks (sein Durchbruch) im AIDS-Jahrzehnt der 80ger Jahre.

Vorurteile und Ausgrenzung in „aufgeklärten“ Zeiten

Tom Hanks spielt einen aufstrebenden homosexuellen Anwalt, der mit HIV infiziert ist. Als seine Krankheit und sexuelle Orientierung seinen Chefs bekannt werden, wird er entlassen. Der Anwalt wehrt sich, sucht sich einen Rechtsbeistand und kämpft, während sein Gesundheitszustand sich laufend verschlechtert, um Gerechtigkeit.

HIV als Geißel der Schwulen, Perversen und Junkies

Der Film ist ebenso drastisch wie ergreifend, vor allem aber: ein grauenhaft genaues Bild der Bigotterie der 80ger Jahre in Amerika (und hier war das weiß Gott nicht besser). AIDS galt damals als „Schwulenkrankheit“ und wurde deshalb vorrangig als moralisches Problem des sittlichen Verfalls der Gesellschaft und nur nachrangig als medizinisches Problem „behandelt“. AIDS war die Folge eines perversen Lebensstils. Fei nach dem Motto „kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große Sünden mit AIDS“.
Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass HIV sich für sexuelle Orientierung gar nicht interessiert und auch „ganz normale“ Menschen hiervon betroffen sind. Hämophilie-(Bluter-)Kranke, Erwachsene wie Kinder, wurden infiziert, weil sich Medikamentenhersteller Tests sparten und dies lange Zeit verheimlichten.

Von der Diskriminierung HIV-positiver Menschen…

Die 80ger Jahre waren in der Folge von einer regelrechten AIDS-Hysterie geprägt: HIV-Infizierte wurden wie Aussätzige behandelt, man traute sich nicht sie anzufassen und erzählte sich schauerliche Geschichten über ihren Lebensstil. Ich erinnere mich noch gut an die Angst und die Gerüchte, als die ersten HIV-infizierten Kinder in Kindergärten und Schulen bekannt wurden. Peter Gauweiler, damals Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, wollte noch 1987 das Bundesseuchengesetz auf AIDS-Kranke anwenden und sie in Internierungslagern festsetzen (bis 2015 saß der gute Mann im Bundestag).

… zur Prävention

Die positive Kehrseite der hohen Aufmerksamkeit für das Problem AIDS waren die aus den Boden sprießenden AIDS-Hilfen und die Mitte der 80ger Jahre einsetzende schulische Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Endlich diskutierten wir nicht mehr über Sittlichkeit, sondern über verantwortlichen Umgang mit Sexualität. Die Slogans „Gib AIDS keine Chance“ und „Kondome schützen“ prägten die Kinder dieser Zeit; und das mit Erfolg! Anders als sittliche Bigotterie (ich lass die Kirche hier mal im Dorf und den Dom in Köln) zeigte der offene Umgang mit AIDS nämlich Wirkung. Die jährliche Ansteckungsrate mit HIV sank in Deutschland von 6000 Menschen im Jahr 1986 auf etwa 2000 Neuansteckungen in den 90ger Jahren. Am ersten Dezember 1988 rief die WHO den ersten Welt-AIDS-Tag aus und etwa ein Jahr zuvor gründete sich die AIDS-Hilfe Leverkusen.

AIDS-Hilfe in Leverkusen

Die AIDS-Hilfe-Leverkusen hat dieses Jahr ihr 30jähriges Jubiläum gefeiert. Unter dem Motto „Das Schlimmste an AIDS ist, über AIDS nichts zu wissen“ leisten die ehrenamtlichen Mitglieder der AIDS-Hilfe-Leverkusen wertvolle Arbeit im Bereich der Information, Beratung und Begleitung von Betroffenen. Ob in Selbsthilfegruppen oder auf Einladung in Schulen, hier finden sich immer kompetente AnsprechpartnerInnen und ich bin froh, dass wir so einen Verein in Leverkusen haben. Beeindruckend an der Jubiläumsfeier waren nicht nur die zahlreichen Gäste, sondern auch die Begegnungen mit einem Gründungsmitglied und Mitstreiterinnen aus den ersten Tagen.

Tina, was kosten die Kondome?

Wenn wir Deutschland und den wohlhabenden Westen insgesamt beobachten, lassen sich die unglaublichen Erfolge der AIDS-Prävention und Aufklärung nicht leugnen. Die jährlichen Neuansteckungen mit HIV betragen seit einigen Jahren in Deutschland etwa 3000 Menschen. Aber nicht nur bei den Neuansteckungen hat sich einiges getan, auch die medizinische Versorgung und die Forschung haben enorme Fortschritte gemacht. HIV-Infizierte können heute sehr lange ein sehr normales Leben führen.
Das ambitionierte Ziel der UNAIDS, dass bis 2020 90% der Infizierten von ihrer Infektion wissen, 90% und 90 % der Therapierten Zugang zu Medikamenten haben sollen, erscheint sogar realistisch: Ein Bericht aus 2016 zeigt, dass bereits über 70% der HIV-Infizierten Menschen ihren Status kennen. 77%von ihnen haben Zugang zu einer Behandlung. Bei 82% der behandelten wird das HI-Virus soweit unterdrückt, dass kaum gesundheitliche Einschränkungen und Ansteckungsgefahren bestehen.
Und trotzdem: die Zahl der weltweiten Neuinfektionen in 2016 mit ca. 1,8 Millionen (davon etwa 160.000 Kinder!) ist immer noch erschreckend hoch.

Risiken und Nebenwirkungen erfolgreicher AIDS-Bekämpfung

Bei Philadelphia muss ich immer an AIDS denken. Geht es Ihnen auch so? Ich stelle mir vor, dass einigen von Ihnen sofort klar war, worauf ich hinaus. Andere mussten kurz nachdenken, und wieder andere konnten keine Verbindung ziehen. Ich will natürlich nicht auf Bildungslücken hinaus, sondern ich vermute, es ist schlicht eine Frage des Jahrgangs: Die Jüngeren unter uns kennen Philadelphia vielleicht nur noch aus der Schule und ich glaube auch AIDS spielt in den heutigen Lebensrealitäten so gut wie keine Rolle mehr. Es ist schlicht kein so verbreitetes Problem mehr. AIDS findet heute woanders statt, entweder räumlich in der „dritten Welt“ oder aber sozialräumlich in den bedauernswerten Milieus der Junkies und sonst irgendwie abgehängten und gescheiterten Existenzen. Und hierin liegt eine Gefahr: Das Kondom steht heute in erster Linie für Verhütung, nicht für Schutz vor Krankheiten. Und mit der heute nahezu flächendeckenden Verwendung der Anti-Baby-Pille scheint die Verwendung des Kondoms nachzulassen. Die Neuinfektion mit Geschlechtskrankheiten nimmt seit einigen Jahren wieder zu. Zwar gilt dies noch nicht für HIV, aber das liegt wohl an den neuen Medikamenten, die die Konzentration des HI-Virus bei HIV-positiven Menschen soweit senken, dass das Risiko einer Ansteckung äußerst gering ist.

Gegen das Vergessen – Gib AIDS keine Chance!

Ich finde es gut, dass AIDS kein Grund mehr zur Panik ist. Und dennoch: es macht mir Sorgen, dass der Film Philadelphia mit dem Thema auch das Vergessen teilen könnte, eine Sorge, die auch auf der Jubilarfeier der AIDS Hilfe Leverkusen zu hören war: Auch hier teilt man das Gefühl, dass AIDS in der Gesellschaft aus dem Blick rutscht und eher als ein Problem in Afrika wahrgenommen wird. Aber wie kann denn in einer globalisierten Welt ein Problem oder eine Krankheit nur regional sein? Denn hier trennen sich die Wege von Film und Krankheit: Der Film darf als Klassiker archiviert werden, HIV und AIDS jedoch dürfen nicht einfach ein Fall für die Geschichtsbücher werden.
In diesem Sinne: Heftet euch die rote Schleife an! Das „Red Ribbon“ als Symbol für Solidarität mit HIV-positiven Menschen und auch einfach als Erinnerung, dass AIDS weder aus der Welt, noch aus Deutschland verschwunden ist!